Zur Übersicht aller Themen

Warum KI für gute Entwickler erst der Anfang ist

| Autor: Florian Kittel

Ich dachte meine beste Zeit als Entwickler ist vorbei. Dann passierte das:

Vor einigen Jahren saß ich mit meinen damaligen Kollegen in den Büroräumen meines Kunden, wo Monitore bis tief in die Nacht glühten, Lüfter konstant rauschten und sich Kaffeetassen als stille Beweise langer Sessions auf den Schreibtischen stapelten. Die Flure waren leer, alle anderen längst schon gegangen. Vor uns lag eine Vision, die mehr war als nur Software. Es ging um eine grandiose Angular-Komponentenbibliothek, die wir gemeinsam mit vielen Entwicklern kreiert hatten und aus der nun die wohl innovativste Low-Code-Plattform ihrer Zeit entstehen sollte.

In Wahrheit ging es um weitaus mehr: um diesen seltenen Zustand, wenn Menschen gleichzeitig für dieselbe Sache brennen und Gedanken schneller als Worte werden.

Wir warfen neue Features und Lösungen auf den Tisch wie Karten in einem Hochrisikospiel. Jede Runde legte nach. Neue Komponenten. Elegantere Architekturen. Cloud-Konzepte. Schnellere Buildsysteme. Designideen, die plötzlich selbstverständlich wirkten, obwohl sie es nie gewesen waren. Whiteboards voller Rechtecke und Linien. Ein Raum tapeziert mit Ausdrucken von dem, was wir ablösen wollten. Funktionen, bei denen man sich fragte, warum sie vor uns niemand gebaut hatte. Es war nerdig, ja. Aber es hatte Spannung. Die Art Spannung, bei der man die Zeit vergisst und plötzlich merkt, dass draußen längst Nacht ist. Silicon Valley mitten in Deutschland – nur ohne Gratis-Essen, ohne Schlafkapseln, ohne Designer-Campus, ohne Shuttlebusse – und ohne irgendeinen Applaus.

Jeden Morgen freuten wir uns darauf, wieder ins Büro zu kommen. Nicht wegen Meetings. Nicht wegen Prozessen. Sondern wegen dem, was entstehen konnte.

Wir lieferten und das Projekt war ein voller Erfolg. Dann kam die Realität. Ausbau der Platform, neue Features. Alltäglicher Betrieb. Erst Budgetrunden. Dann Kürzungen. Dann Teamwechsel. Dann diese sterile Sprache aus internen Prozessen, Abstimmungen mit Stakeholdern, Release-Freigaben und Dokumentation, die jedes Projekt irgendwann heimsucht. Man hört sie nicht laut. Sie arbeitet leise. Sie nimmt Geschwindigkeit aus Räumen, Luft aus Gesprächen und Mut aus Entscheidungen. Das Projekt blieb stark. Die Arbeit blieb interessant. Wir lieferten weiter. Neue Features kamen dazu. Qualität war da. Aber etwas Entscheidendes war verschwunden.

Das Feuer.

Dieser unheimliche Antrieb, der einen so packt, dass man sich Freitagabends bereits auf Montag freut. Diese unsichtbare Kraft, die Menschen über sich hinauswachsen lässt. Der Grund, warum manche Teams in sechs Monaten mehr bewegen als andere in drei Jahren.

Ich dachte lange, solche Phasen kommen nur einmal im Leben.

Dann kam KI.

Und plötzlich ist es wieder da.

Ich bin in meiner persönlichen KI-Transformation. Nicht als Zuschauer. Direkt im Maschinenraum.

Heute sitze ich oft allein am Schreibtisch – und bin gleichzeitig nicht allein. Mehrere KI-Systeme arbeiten parallel, aber nicht führungslos. Ich gebe Richtung, Ideen und Prioritäten vor. Ich refine, verwerfe, schärfe nach und orchestriere das Zusammenspiel. Ich diskutiere Konzepte, Schnittstellen und Architekturen, bis sie belastbar sind. Parallel werden daraus sauber definierte User Stories, die nach meinem Feinschliff direkt in umsetzbaren Code übergehen. Ergebnisse werden reviewed, auf Performance, Sicherheit und Schwachstellen geprüft und Fehler gefunden, bevor sie teuer werden.

Bildschirme leuchten, Prozesse laufen, Ergebnisse entstehen im Takt von Minuten. In meiner Rolle als Architekt und Lead Developer gehe ich darin voll auf. Ich bin nicht ersetzt worden – ich bin zum Orchestrator geworden. Um es mit einem Zitat aus dem Film Steve Jobs (2015) zu sagen:

„Musiker spielen ihre Instrumente. Ich spiele das Orchester.“

Was früher Wochen dauerte, entsteht heute in Tagen. Was an Kapazität scheiterte, scheitert heute eher an Vorstellungskraft.

Der Unterschied: Ich kenne das Handwerk.

Ich habe die harte Schule der Softwareentwicklung durchlaufen. Große Programme. Legacy-Code, den keiner anfassen will. Zehn Entwickler arbeiten in denselben Dateien, an überlappenden Code-Stellen – fast unlösbare Mergekonflikte vorprogrammiert. Pull Requests mit religiösen Debatten. Builds, die fünf Minuten vor Feierabend scheitern. Releases, die nachts kippen. Rollbacks mit Puls 180. Wochenenden, die verschwinden. Systeme retten, während andere schlafen. Fehler finden, wenn niemand mehr weiterweiß. Verantwortung tragen, wenn es wirklich zählt.

Genau deshalb fühlt sich diese neue Zeit so mächtig an.

Denn wer nur KI hat, hat Geschwindigkeit. Wer Erfahrung hat, hat Richtung. Wer beides verbindet, wird gefährlich gut.

Und vielleicht ist das der eigentliche Punkt:

Manche glauben, KI ersetzt Entwickler. Ich glaube, KI bringt die Leidenschaft zurück – für jene, die einmal wirklich gebaut haben.

Wenn du dieses Feuer kennst, warte nicht darauf, dass es zurückkommt. Geh los, probiere, baue, lerne neu und entdecke, was heute möglich ist. Vielleicht beginnt deine stärkste Phase genau jetzt.

Danke an alle Wegbegleiter aus dieser Zeit – ihr wisst, wer gemeint ist.

Zur Übersicht aller Themen
Nach oben