Ich dachte meine beste Zeit als Entwickler ist vorbei. Dann passierte das:
Vor einigen Jahren saß ich mit meinen damaligen Kollegen in den Büroräumen meines Kunden. Die Rechner liefen noch bis tief in die Abendstunden. Leere Kaffeetassen stapelten sich auf den Schreibtischen. Die Flure waren längst verlassen, alle anderen schon gegangen. Vor uns lag eine Vision, die weit mehr war als nur Software. Es ging um eine außergewöhnliche Angular-Komponentenbibliothek, die wir gemeinsam mit vielen Entwicklern geschaffen hatten – und aus der nun die wohl innovativste Low-Code-Plattform ihrer Zeit entstehen sollte.
In Wahrheit ging es um etwas Größeres: um jene seltenen Momente, in denen Menschen vom selben Feuer erfasst werden und Gedanken schneller durch den Raum jagen als Worte ihnen folgen können.
Wir warfen neue Features und Lösungen auf den Tisch wie Karten in einem Spiel mit hohem Einsatz. Jeder legte nach. Neue Komponenten. Schlankere Architekturen. Cloud-Konzepte. Schnellere Buildsysteme. Designideen, die plötzlich selbstverständlich wirkten, obwohl sie es nie gewesen waren.
Whiteboards voller Rechtecke und Linien. Ein Raum tapeziert mit Ausdrucken von dem, was wir ersetzen wollten. Funktionen, bei denen man sich fragte, warum sie vor uns niemand gebaut hatte. Es war nerdig, zweifellos. Aber es hatte Spannung. Diese besondere Art von Spannung, bei der man die Zeit vergisst und erst viel zu spät bemerkt, dass es draußen längst Nacht geworden ist.
Es fühlte sich an wie Silicon Valley mitten in Deutschland – nur ohne die glänzende Kulisse: kein Gratis-Essen, keine Schlafkapseln, kein Designer-Campus, keine Shuttlebusse. Nur Arbeit, Ideen und starkes Momentum.
Jeden Morgen freuten wir uns darauf, wieder ins Büro zu kommen. Nicht wegen Meetings. Nicht wegen Prozessen. Sondern wegen dem, was entstehen konnte.
Wir lieferten – und das Projekt wurde ein voller Erfolg. Dann kehrte die Realität ein. Ausbau der Plattform. Neue Features. Routine, Support und gewährleistung eines stabilen Betriebs.
Erst kamen Budgetrunden. Dann Kürzungen. Dann Teamwechsel. Und schließlich diese sterile Sprache aus internen Prozessen, Stakeholder-Abstimmungen, Release-Freigaben und Dokumentation, die früher oder später fast jedes Projekt befällt. Alle diese Dinge die Geschwindigkeit, Innovation und Mut aus Entscheidungen nehmen.
Das Projekt blieb stark. Die Arbeit blieb interessant. Wir lieferten weiter. Neue Features kamen hinzu. Die Qualität stimmte. Aber etwas Entscheidendes war verschwunden.
Das Feuer.
Dieser unheimliche Antrieb, der einen so packt, dass man sich Freitagabends bereits auf Montag freut. Diese unsichtbare Kraft, die Menschen über sich hinauswachsen lässt. Der Grund, warum manche Teams in sechs Monaten mehr bewegen als andere in drei Jahren.
Ich dachte lange, solche Phasen kommen nur einmal im Leben.
Dann kam KI. Und plötzlich ist es wieder da.
Ich bin in meiner persönlichen KI-Transformation. Nicht als Zuschauer. Wieder direkt im Maschinenraum.
Heute sitze ich oft allein am Schreibtisch – und bin es zugleich nicht. Mehrere KI-Systeme arbeiten parallel, aber nicht führungslos. Ich gebe Richtung, Prioritäten und den Rahmen vor. Ich schärfe Ideen, verwerfe Ansätze, justiere nach und orchestriere das Zusammenspiel. Konzepte, Schnittstellen und Architekturen werden in hoher Geschwindigkeit durchdacht, geprüft und so lange verdichtet, bis sie tragen. Keine User Stories, kein Planning, direkte Umsetzung nach der Freigabe. Keine organisatorischen Umwege, kein künstlicher Zeitverlust. Fehler werden schneller behoben, als man sie überhaupt analysieren könnte. Wiederholende Aufgaben, die einem nie Spaß gemacht haben, überlässt man einfach dem KI-Agenten.
In meiner Rolle als Architekt und Lead Developer gehe ich darin voll auf. Ich bin nicht ersetzt worden – ich bin zum Orchestrator geworden. Um es mit einem Zitat aus dem Film Steve Jobs (2015) zu sagen:
„Musiker spielen ihre Instrumente. Ich spiele das Orchester.“
Was früher Wochen dauerte, entsteht heute in Tagen. Was an Kapazität scheiterte, scheitert heute eher an Vorstellungskraft und fehlenden Ideen.
Der Unterschied: Ich kenne das Handwerk.
Ich habe die harte Schule der Softwareentwicklung durchlaufen. Große Programme. Legacy-Code, den keiner anfassen will. Zehn Entwickler arbeiten in denselben Dateien, an überlappenden Code-Stellen – fast unlösbare Mergekonflikte vorprogrammiert. Pull Requests mit religiösen Debatten. Builds, die fünf Minuten vor Feierabend scheitern. Releases, die nachts kippen. Rollbacks mit Puls 180. Wochenenden, die verschwinden. Systeme retten, während andere schlafen. Fehler finden, wenn niemand mehr weiterweiß. Verantwortung tragen, wenn es wirklich zählt.
Genau deshalb fühlt sich diese neue Zeit so mächtig an. KI erzeugt Tempo. Erfahrung schafft Richtung. Zusammen verändert es die Spielregeln – und wer beides miteinander verbinden kann, wird gefährlich gut.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt:
Manche glauben, KI ersetzt Entwickler. Ich glaube, KI bringt die Leidenschaft zurück – für jene, die einmal wirklich gebaut haben.
Wenn du dieses Feuer kennst, warte nicht darauf, dass es zurückkommt. Geh los, probiere, baue, lerne neu und entdecke, was heute möglich ist. Vielleicht beginnt deine stärkste Phase genau jetzt.
Danke an alle Wegbegleiter aus dieser Zeit – ihr wisst, wer gemeint ist.
Kategorie: AI Engineering |
Tags: KI Entwickler Softwareentwicklung Produktivität KI-Transformation Leidenschaft